Verfahren 3 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 12. Mai 2026

Mehrkomponentenspritzguss (2K-Spritzguss)

2K-Spritzguss-Verfahren für funktionsintegrierte Verbundbauteile in einem Fertigungsschritt

Mehrkomponentenspritzguss (auch 2K-Spritzguss) ist ein Sonderverfahren des Spritzgießens, bei dem zwei oder mehr Kunststoffe bzw. Werkstoffe in einem einzigen Fertigungszyklus zu einem Verbundbauteil verarbeitet werden. Die einzelnen Komponenten gehen dabei eine formschlüssige und/oder stoffschlüssige Verbindung ein, sodass Montage- und Fügeprozesse entfallen.

Haben Sie Fragen zu diesem Werkstoff? Kontakt aufnehmen

Was ist Mehrkomponentenspritzguss?

Beim Mehrkomponentenspritzguss (2K-, 3K-Spritzguss etc.) werden mehrere Materialien nacheinander oder teilweise parallel in ein Werkzeug eingespritzt. Das Bauteil verbleibt dabei im Werkzeug und wird schrittweise aufgebaut. So entstehen dauerhafte Verbunde, z. B. Hart-Weich-Verbindungen, Dichtungen auf Trägern oder Funktionsbereiche mit unterschiedlichen Farben und Eigenschaften.

Typische Ziele sind:

  • Kombination harter und weicher Kunststoffe
  • Integration von Dichtungen, Griffzonen oder Dämpfungselementen
  • Farb- oder Materialakzente in Sichtteilen
  • Reduktion von Montageaufwand und Toleranzketten

Verfahrensvarianten

Drehtellertechnik

Bei der Drehtellertechnik wird die Auswerferhälfte des Werkzeugs nach dem ersten Schuss gedreht (bei 2K typischerweise um 180°). Der Vorschuss verbleibt auf dem Kern und wird in eine zweite Kavität geschwenkt, in die die zweite Komponente eingespritzt wird.

Merkmale:

  • Geeignet für Teile bis ca. 2.000 g
  • Hohe Prozesssicherheit, da das Teil im Werkzeug verbleibt
  • Gut für mittlere bis hohe Stückzahlen

Indexplattentechnik

Hier befindet sich zwischen den Werkzeughälften eine axial verschiebbare und rotierbare Indexplatte. Auf dieser wird der Vorschuss nach dem ersten Schuss positioniert und in eine andere Kavität überführt.

Vorteile:

  • Sehr kompakte Werkzeugkonstruktionen möglich
  • Flexible Anordnung mehrerer Kavitäten
  • Gut geeignet für komplexe Geometrien und mehr als zwei Komponenten

Overmoulding (Umspritzen)

Beim Overmoulding wird ein bereits gefertigter und abgekühlter Grundkörper mit einer zweiten Komponente umspritzt. Der Grundkörper kann ein Kunststoff-, Metall- oder auch ein anderer Einleger sein.

Typische Anwendung:

  • Hart-Weich-Verbindungen, z. B. PP-Griffschale mit TPE-Griffzone
  • Umspritzen von Einlegern (Insert Moulding), z. B. Metallteile mit Gummi

Materialkombinationen

Die Auswahl geeigneter Materialkombinationen ist entscheidend für Haftung, Dichtheit und Lebensdauer des Verbundbauteils.

  • PP + TPE – Sehr gut verträglich, weit verbreitet in Konsumgütern und Automotive (z. B. Griffzonen, Dichtlippen)
  • PA + TPE – Möglich, erfordert abgestimmte Schmelzetemperaturen und geeignete TPE-Typen
  • PC/ABS + TPE – Gut kombinierbar, typisch für Elektronikgehäuse mit Soft-Touch-Oberflächen
  • LSR auf Thermoplast – Flüssigsilikonkautschuk (LSR) wird auf Thermoplaste aufgespritzt, z. B. in medizinischen Geräten oder Dichtsystemen
  • Gummi auf Metall – Metall-Einleger werden mit Gummi umspritzt (Insert Moulding), z. B. für Lager, Dämpfer oder Dichtungen

Wichtige Kriterien bei der Materialauswahl:

  • Chemische Verträglichkeit und Haftung
  • Schmelze- und Werkzeugtemperaturen
  • Thermische Ausdehnung und Schrumpfverhalten
  • Mechanische Anforderungen (Härte, Elastizität, Abrieb)

Vorteile des Mehrkomponentenspritzgusses

  • Entfall von Montage- und Fügeprozessen

Kein zusätzliches Kleben, Schweißen oder Schrauben erforderlich, da die Verbindung im Werkzeug entsteht.

  • Funktionsintegration in einem Bauteil

Kombination von Dichtung, Träger, Führungselement, Griffzone oder Dämpfung in einem einzigen Teil.

  • Kürzere Taktzeiten

Im Vergleich zu mehrstufigen Montageprozessen sinken Durchlaufzeiten und Handlingaufwand.

  • Höhere Bindungsfestigkeit

Die Haftung zwischen den Komponenten ist in der Regel besser als bei nachträglichem Kleben oder mechanischem Fügen.

  • Verbesserte Qualität und Optik

Exakte Positionierung von Dichtungen und Soft-Touch-Bereichen, weniger Toleranzprobleme.

Typische Anwendungen

Automotive

  • Dichtlippen und Dichtsysteme auf Trägern
  • Luftauströmer mit weichen Lamellen oder Dichtbereichen
  • Lenkradgriffe und Bedienelemente mit Soft-Touch
  • Pedalmatten und Fußraumelemente mit integrierten Weichzonen

Medizin- und Labortechnik

  • Chirurgische Instrumente mit ergonomischen Weichgriffelementen
  • LSR-Verschlüsse und Dichtungen auf starren Trägern
  • Komponenten mit farblich codierten Funktionsbereichen

Elektronik und Elektrotechnik

  • Gehäuse mit Soft-Touch-Oberflächen
  • Integrierte Dichtungen für IP-Schutzklassen
  • Steckergehäuse mit Zugentlastung und Dichtfunktion

Konsumgüter und Werkzeuge

  • Zahnbürsten mit rutschfesten Griffzonen
  • Werkzeuggriffe (Schraubendreher, Zangen, Elektrowerkzeuge)
  • Haushaltsgeräte mit integrierten Dichtungen und Griffbereichen

Abgrenzung zu verwandten Verfahren

  • Ein-Komponenten-Spritzguss: Nur ein Material, keine integrierten Hart-Weich- oder Mehrfarbverbunde.
  • Montage von Einzelteilen: Mehrere separat gespritzte Komponenten werden nachträglich gefügt; höherer Aufwand und oft geringere Verbundfestigkeit.
  • Insert Moulding: Spezialfall, bei dem Einleger (z. B. Metall) umspritzt werden; kann Teil eines Mehrkomponentenspritzguss-Konzepts sein.

Der Mehrkomponentenspritzguss ist damit ein zentrales Verfahren für funktionsintegrierte Kunststoffbauteile mit hohen Anforderungen an Haptik, Dichtheit und Design.

Benötigen Sie Unterstützung bei der Werkstoffauswahl?

Beratung anfragen →
FAQ

Häufig gestellte Fragen

Was ist Mehrkomponentenspritzguss?

Mehrkomponentenspritzguss ist ein Verfahren, bei dem zwei oder mehr Werkstoffe in einem Arbeitsgang zu einem Bauteil verbunden werden. Typisch ist die Kombination von Hart- und Weichkomponenten.

Welche Materialien können kombiniert werden?

Häufig werden thermoplastische Hartkomponenten (PA, PP, ABS) mit Weichkomponenten aus TPE oder Elastomeren kombiniert.

Welche Vorteile bietet das Verfahren?

Mehrkomponentenspritzguss reduziert Montageaufwand, ermöglicht bessere Abdichtung und Haptik und senkt bei hohen Stückzahlen die Stückkosten gegenüber nachträglichem Fügen.

Ihre Frage ist nicht dabei?

Stellen Sie uns Ihre Frage direkt →

Sie haben Fragen zu diesem Thema?

Unser Team steht Ihnen für eine individuelle Beratung zur Verfügung.

Empfohlene Produkte

Passende Produkte aus unserem Sortiment

Kontakt

Lassen Sie uns ins Gespräch kommen

Haben Sie Fragen zu unseren Produkten oder benötigen eine individuelle Beratung? Wir sind für Sie da.

Telefon 02324 9874578
Adresse Werksstraße 8-10, 45527 Hattingen
02324 9874578 Kontakt aufnehmen