Thermoplastische Elastomere (TPE)
Aufbau, Hauptklassen, Eigenschaften und Anwendungen von TPE im Vergleich zu klassischen Elastomeren
Thermoplastische Elastomere (TPE) sind Werkstoffe, die das elastische Verhalten von Kautschuk mit der thermoplastischen Verarbeitbarkeit von Kunststoffen kombinieren. Sie sind physikalisch statt chemisch vernetzt und lassen sich daher wie Thermoplaste schmelzen, umformen und recyceln, zeigen im Einsatz aber gummiähnliche Elastizität.
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Funktionsprinzip thermoplastischer Elastomere
Thermoplastische Elastomere (TPE) vereinen das elastische Verhalten von Kautschuk mit der thermoplastischen Verarbeitbarkeit von Kunststoffen. Das entscheidende Prinzip ist die physikalische statt chemische Vernetzung:
- Die Molekülketten bestehen aus weichen, elastischen Segmenten (Soft-Segmente) und harten, kristallinen oder glasigen Segmenten (Hard-Segmente).
- Durch Mikrophasentrennung lagern sich die Hard-Segmente zu Domänen zusammen, die als physikalische Vernetzungspunkte wirken.
- Bei Wärmezufuhr werden diese physikalischen Vernetzungen aufgebrochen, das Material wird schmelzefähig und kann reversibel umgeformt werden.
- Beim Abkühlen bilden sich die Hard-Domänen erneut aus – die Elastizität stellt sich wieder ein.
Dadurch lassen sich TPE wie klassische Thermoplaste verarbeiten (Spritzguss, Extrusion), zeigen im Gebrauch aber gummiähnliche Dehn- und Rückstelleigenschaften.
Hauptklassen nach ISO 18064
Die Norm ISO 18064 teilt thermoplastische Elastomere in mehrere Hauptklassen ein:
- TPS (TPE-S) – Styrol-Blockcopolymere (z. B. SBS, SEBS)
- Härtebereich: ca. Shore A 10 bis Shore D 50
- Eigenschaften: sehr weich einstellbar, gute Haptik, gute Verarbeitbarkeit
- Typische Anwendungen: Griffe, Soft-Touch-Oberflächen, Schuhsohlen, Klebstoffe
- TPO (TPE-O) – Thermoplastische Polyolefine (z. B. EPDM/PP-Blends)
- Härtebereich: ca. Shore A 45–90
- Eigenschaften: gute Witterungsbeständigkeit, gute Chemikalienbeständigkeit, kostengünstig
- Typische Anwendungen: Fahrzeugdichtungen, Stoßfängerabdeckungen, Außenanbauteile
- TPV (TPE-V) – Thermoplastische Vulkanisate (dynamisch vernetzte TPO)
- Härtebereich: ca. Shore A 35–90
- Eigenschaften: feindispers vernetzter Elastomeranteil in thermoplastischer Matrix, besserer Druckverformungsrest als TPO
- Typische Anwendungen: Fahrzeuginnenraum-Dichtungen, Faltenbälge, Kabeltüllen
- TPU (TPE-U) – Thermoplastische Polyurethane
- Härtebereich: ca. Shore A 60 bis Shore D 75
- Eigenschaften: hohe Abriebfestigkeit, gute Reißfestigkeit, gute Flexibilität bei Kälte
- Typische Anwendungen: Zahnriemen, Förderbänder, Rollen, Sportschuhsohlen
- TPC (TPE-E) – Copolyester-Elastomere
- Härtebereich: ca. Shore D 35–72
- Eigenschaften: gute Temperatur- und Medienbeständigkeit, gute Rückstelleigenschaften
- Typische Anwendungen: Bälge, Riemen, Luftansaugschläuche, technische Formteile
- TPA (TPE-A) – Polyamid-basierte TPE
- Härtebereich: ca. Shore D 25–70
- Eigenschaften: hohe Festigkeit, gute Chemikalien- und Temperaturbeständigkeit
- Typische Anwendungen: Kfz-Schläuche, verstärkte Bauteile, technische Präzisionsteile
Vorteile gegenüber vernetzten Elastomeren
Im Vergleich zu klassisch vulkanisierten Elastomeren (z. B. NR, EPDM, NBR) bieten TPE mehrere verarbeitungstechnische und wirtschaftliche Vorteile:
- Keine Vulkanisation erforderlich – es ist kein zusätzlicher Vernetzungsschritt nötig, was zu kürzeren Zykluszeiten führt.
- Recyclingfähigkeit – Angüsse, Anfahrmaterial und Fehlteile können wiedervermahlen und erneut verarbeitet werden.
- Verarbeitung auf Standard-Kunststoffmaschinen – Spritzguss, Extrusion, Blasformen und weitere Thermoplast-Verfahren sind nutzbar.
- Direkte Hart-Weich-Verbindung – im Mehrkomponentenspritzguss lassen sich TPE direkt mit Thermoplast-Hartkomponenten (z. B. PP, ABS) verbinden.
- Reproduzierbare Qualität – durch industriell hergestellte, einheitliche Compounds mit definierten Eigenschaften.
Einschränkungen und Grenzen
Trotz vieler Vorteile ersetzen TPE nicht in allen Fällen klassische Gummis:
- Begrenzte Temperaturbeständigkeit – meist unter ca. 120–140 °C Dauereinsatz; Hochtemperatur-Elastomere wie FKM oder Silikon sind deutlich beständiger.
- Druckverformungsrest – in der Regel schlechter als bei vollständig vulkanisierten Elastomeren, was bei Dauerdichtungen kritisch sein kann.
- Kriechneigung – unter statischer Dauerlast kann es zu bleibender Verformung kommen.
- Dynamische Dauerfestigkeit – oft geringer als bei klassischen Kautschuken, insbesondere bei hochdynamischer, schwingender Belastung.
Typische Einsatzgebiete
Aufgrund der Kombination aus Elastizität, Designfreiheit und effizienter Verarbeitung werden TPE in vielen Branchen eingesetzt:
- Automobilindustrie: Dichtungen, Abdeckungen, Schläuche, Luftführungen, Soft-Touch-Griffzonen im Innenraum, Faltenbälge
- Konsumgüter: Zahnbürstengriffe, Werkzeuggriffe, Sportgeräte, Haushaltswaren mit Soft-Touch-Oberflächen
- Medizintechnik: Schläuche, Ventile, flexible Gehäuseteile, Griffe und Dichtungen mit angenehmer Haptik
- Bau: Dichtungsprofile, Fenster- und Türleisten, Anschlussprofile, Dehnfugenbänder
- Elektrotechnik: Kabelummantelungen, Steckergehäuse, Tüllen, Knickschutzelemente
Durch die Vielzahl an TPE-Typen und Härtebereichen lassen sich Eigenschaften wie Haptik, Transparenz, Farbe, Chemikalienbeständigkeit und Flexibilität gezielt an die jeweilige Anwendung anpassen.
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Was ist der Unterschied zwischen TPE und Gummi?
TPE sind schmelzbar und können im Spritzguss verarbeitet werden, klassischer Gummi ist chemisch vernetzt und nicht mehr aufschmelzbar. TPE bieten Vorteile bei Verarbeitung und Recyclingfähigkeit.
Welche TPE-Typen gibt es?
Gängige TPE-Typen sind TPE-S (Styrol-basiert), TPE-V (vulkanisiert), TPE-U (Polyurethan-basiert), TPE-O (Olefin-basiert) und TPE-A (Amid-basiert).
Können TPE klassische Elastomere ersetzen?
In vielen Anwendungen ja, besonders bei Griffen, Dichtlippen und Soft-Touch-Oberflächen. Bei extremen Temperaturen oder aggressiven Medien sind klassische Elastomere oft die bessere Wahl.
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